Bedeutung der Irritation für Lern- und Bildungsprozesse in der Grundschule sowie in der kunstpädagogischen Praxis
In Verbindung mit meinem ersten längeren Beitrag veröffentliche ich hier eine leicht angepasste Forschungsarbeit. In dieser habe ich untersucht, welche Bedeutung Irritationen (negative Erfahrungen) für Lern- und Bildungsprozesse in der Grundschule haben. Insbesondere rekurrierend auf Theodor Ballauff, Günther Buck, Käte Meyer-Drawe und John Dewey wurden hierfür die Begriffe Bildung und Lernen zueinander in Beziehung gesetzt und abschließend überlegt, welche Implikationen sich hieraus für Lehr-Lern-Situationen in der Grundschule ableiten ließen.
Download: Der Moment der Irritation_Ließegang.pdf
Die Annahmen und Ergebnisse dieser Arbeit lassen sich auch auf die kunstpädagogische bzw. -didaktische Perspektive übertragen. In diesem Beitrag soll dies in Ansätzen versucht werden.
Irritationen und kunstpädagogische Praxis
Welche Bedeutung haben Irritationen für die kunstpädagogische Praxis? In welchen Situationen können Irritationen auftreten und Raum für Bildungsprozesse eröffnen? Mögliche Antworten auf diese Fragen sollen im Folgenden kurz skizziert werden. Leider sind Arbeiten zu Irritationen und deren möglichen Einfluss auf Bildungsprozesse im kunstpädagogischen Kontext bisher ein Desiderat. (Lübke et al., 2019, S. 195) Die folgenden Anmerkungen greifen deshalb sowohl empirische Arbeiten, Praxisberichte und theoretische Ausführungen, die das Thema streifen, auf.
Verfremdung als Strategie – Den Blick auf Bekanntes irritieren
Sowohl in der bildenden Kunst als auch im Kunstunterricht können Strategien identifiziert werden, die eine neue Betrachtung eines Dinges dadurch anstoßen, dass dieses Ding in seinen sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten verändert oder in einen neuen Kontext gestellt wird. Dies gilt beispielsweise für Assemblagen, die Dinge aus ihrem ursprünglichen Verwendungskontext lösen. Auch Farbfeldmalerei kann als Versuch gedeutet werden, die Farbe als „Farbe-an-sich“ zur Geltung zu bringen und hierdurch sowohl einen konventionellen Bildbegriff infrage zu stellen als auch die Wahrnehmung der Farbe von einer „Ding-Farbe“ loszulösen.
Künstlerische Strategien des Verfremdens können im Kunstunterricht sach- und kindgemäß (Ballauff, 2000) aufgegriffen werden. Der spielerische Umgang mit Welt, der für Kinder in der Vorschule und den ersten Grundschuljahren noch charakteristisch ist, wird in den meisten Fällen dazu führen, dass verfremdende Strategien von Kindern in diesem Alter mit Freude am Probieren und Tun angewandt werden. Aus bildungstheoretischer Perspektive kann davon ausgegangen werden, dass sich beim (um-)gestaltenden Tun zwei Dimensionen genuin pädagogischer Ziele gegenüber stehen – im Prozess vielleicht aber auch ergänzen: Zum einen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, wenn sich Material, Form, Farbe, Deutung durch das eigene absichtsvolle Tun verändern. Zum anderen nachhaltige Lern- oder Bildungsprozesse, die durch Irritation, Verwunderung oder auch Scheitern angestoßen werden können. Diese zu erkennen und nicht (immer) durch Erklärung oder Zeigen abzukürzen oder gar abzubrechen, sondern stark zu machen, indem der Blick auf das sich Zeigende unterstützt wird, gehört zu den Aufgaben der begleitenden Lehrperson. Die Manipulation von Material oder Objekten kann also als eine Strategie bzw. Methode eingesetzt werden, die Irritationen dadurch ermöglicht, dass sie vermeintlich Bekanntes neu in den Blick rückt. Inwiefern Kinder im Vor- und Grundschulalter durch ihr eigenes Tun oder durch das Tun der anderen Kinder in der Gruppe tatsächlich Irritation erfahren, bleibt dem pädagogischen Handeln entzogen. Als begleitende Pädagogin habe ich jedoch die Möglichkeit, durch Hinweise auf Veränderungen oder Inkonsistenzen, durch Fragestellungen oder auch das gemeinsame Betrachten im Plenum Irritationen anzustoßen.
Irritationen durch die Auseinadersetzung mit (zeitgenössischer) Kunst
Die Begegnung mit Kunst ist wesentlicher Bestandteil der Kunstpädagogik. Ihr wird in der kunstpädagogischen Literatur Potenzial für die Hervorbringung ästhetischer Bildung zugeschrieben.
Die Umwandlung dessen, wovon wir getroffen werden, in etwas, worauf wir antworten, ist – so meine These – genau der Zwischenbereich, wo eine ästhetische Selbstbildung genuin einsetzen kann. (Sabisch, 2009, S. 15)
Insbesondere Bilder und Objekte, in denen kein vorgedachter Sinn bzw. kein Verwendungs- oder Bedeutungszusammenhang erkannt wird, fordern solche „Resonanz-Erfahrungen […] im Modus von Aisthesis“ (Hallmann, 2016) heraus. Es ist naheliegend davon auszugehen, dass in diesen Resonanz-Erfahrungen auch wiederholt Irritationen eine Rolle spielen. Andrea Sabisch hat in den letzten Jahren Fragen zu Ungewissheit und Irritation sowie zur empirischen Untersuchung ästhetischer Erfahrungen im Bezug auf Bilderfahrungen bearbeitet (Sabisch, 2018, 2019). Auch sie verweist auf die Problematik, dass sich Irritation oft nicht eindeutig in einer Situation zeigt (2019, S. 285).
In ihrer Studie Bildwerdung (2018) setzt sie Bildsequenzen von Simone Kesting, mit einer Gruppe der elften Jahrgangsstufe, sowie von Barbara Yelin, mit einer Gruppe von vier Grundschüler*innen, ein. Sie interpretiert ihre Beobachtungen insbesondere mit Bezug auf Pazzini, mit Anlehnung an die Psychoanalytische Pädagogik sowie Waldenfels Erfahrungsbegriff und greift hierfür sowohl sprachliche als auch körperliche Äußerungen auf.
Auch das von Sabisch (2018, S. 311-335) beschriebene Abwehrverhalten eines Schülers (Jonas) der vierten Klasse auf die gezeigten künstlerischen Arbeiten, kennen wohl einige aus der eigenen pädagogischen Praxis. Es wird interpretiert als Response (Waldenfels) auf die (zunächst nur flüchtige) Wahrnehmung der Bilder und die damit einhergehende Irritation (ebd. S. 359 ff). Kann aber zudem mit dem sehr offenen Impuls zu Beginn in Bezug gesetzt werden (ebd., S. 307). Nach meiner Erfahrung kommt es durchaus vor, dass Kinder, mit sehr offenen Settings, also ohne eindeutige, handlungsbezogene Aufgabenstellung (am besten mit beispielhaftem Vorzeigen), überfordert sind und Verzweiflung oder Abwehr zeigen. Die Gründe können m. E. vielfältig sein. Sicher ist es zum einen hilfreich, wenn den Kindern sehr offene Impulse in einem eigentlich engen Kontext, wie der Unterrichtssituation, bekannt sind und sich somit bereits Handlungsstrategien für solche Situationen etabliert haben. Zum anderen scheint auch die individuelle Fehlertoleranz bzw. Fehlervermeidung eine Rolle zu spielen. Kinder, die besonders ängstlich sind, etwas falsches zu tun oder zu sagen, müssen sich durch offene Unterrichtsimpulse besonders verunsichert fühlen und werden wahrscheinlicher mit Ablehnung, Entzug oder Verzweiflung reagieren. Beim Betrachten von Bildreproduktionen oder Videos künstlerischer Arbeiten, schienen mir die beteiligten Kinder der auf dieser Website dokumentierten Kurse allerdings jeweils eher „gespannt-interessiert“ zu sein. Sicher zeitweise auch kurz irritiert, wobei sich Irritationen bei jüngeren Kindern, soweit ich dies erinnere, schnell verflüchtigen, sobald sie dem Gesehenen einen Sinn zuschreiben konnten. Sie reagierten eher nicht mit (dauernder) Ablehnung oder Abwertung, wie Jonas im genannten Forschungsssetting von Sabisch. Sabisch vermutet, dass Jonas deutliche Ablehnung (auch) mit den gezeigten Bildern zu tun hat.
Beispiele auf dieser Website und Gedanken zu verschiedenen Aufgabenstellungen
Das Betrachten (zeitgenössischer) Kunst findet in den wöchentlich stattfindenden Kursen der Vorschule seltener statt und ist i.d.R. nicht Ausgangsimpuls für eine bildnerische Auseinandersetzung. Häufiger werden Arbeiten betrachtet, die thematisch an ein zuvor von den Kindern bearbeitetes Motiv anknüpfen und eine andere Herangehens- oder Darstellungsweise verdeutlichen (Beispiel Netze). Verschiedene Darstellungsweisen zeigen sich aber auch, wenn Arbeiten der Kinder zu einem Thema nebeneinander gehängt/ gelegt werden und so einen Vergleich herausfordern. Inwiefern es hier zu nachhaltigen Irritationen kommen mag, kann zunächst nicht beantwortet werden.
Bezogen auf die dargestellten Beispiele aus der eigenen kunstpädagogischen Praxis lässt sich festhalten, dass Irritationen insbesondere wahrnehmbar wurden bei der Bearbeitung solcher Themen, die Phänomene in den Fokus der bildnerischen Auseinandersetzung rückten. Dies geschah beispielsweise bei der Bearbeitung der Frage, ob es eine synästhetische Beziehung zwischen Farbe und Klang geben kann (Farbklang VS). Auch bei den Schattenfliegern wurden im Spiel mit dem Schlagschatten und dem dabei erfahrenen Verlust von ursprünglicher Proportion, Form und Farbe der projizierten Assemblagen Irritationen ermöglicht und eine erkundende Wahrnehmung angeregt. Durch die Schatten-Projektion entstand etwas Neues, das die Kinder zu einer neuen, anderen Betrachtung und anschließender Bearbeitung herausforderte. Gleiches gilt für das Mischverhalten von Farbe beim Malen mit pastosen Farben, das insbesondere bei den diversen Farbübungen zu Beginn eines Vorschuljahres explizit zum Thema wird. Eine wichtige Voraussetzung für Irritation ist hier, dass die Kinder noch nicht über die Fertigkeit verfügen, Farben gezielt zu mischen. So wird ein Lernprozess angestoßen, der über probierendes Tun eine absichtsvolle Umgangsweise zum Farbmischen anbahnt. Auch bei der Bearbeitung anderer Themen kann immer wieder beobachtet werden, wie das Verhalten der Farbe oder anderer Mal- und Zeichenmittel von den Kindern aufmerksam beobachtet und untereinander kommuniziert wird. Gerade bei der Arbeit mit den jüngeren Kindern ist m.E. deshalb auch die Förderung dieser substanziellen Wahrnehmungsfähigkeit im Rahmen der künstlerisch-ästhetischen Erziehung wichtig, ohne die eine annehmende Wahrnehmung eigener Irritation unmöglich bleibt. Auch wenn ein Thema eher durch Imagination bestimmt ist, bleibt dieses (kunst-)pädagogische Erziehungsziel deshalb für mich zentral und verläuft wie ein roter Faden durch alle Beispiele, die sich auf dieser Website finden. Auffällig und bemerkenswert ist, dass die jüngeren Kinder scheinbar auf ein Widerfahrnis in Form einer unerwarteten Beobachtung resp. Erfahrung eher mit interessierter oder spielerischer Aufmerksamkeit antworten als mit Ablehnung oder Vermeidung. Scheinbar deshalb, weil sich Vermeidungsstrategien womöglich weniger gut beobachten lassen oder leichter fehlinterpretiert werden können als deutliches Staunen über ein beobachtetes Phänomen. (Die Schwierigkeit des Aufmerkens und Erkennens von Situationen, in denen Lernende eine Irritation erfahren, wird in der oben verlinkten BA-Thesis ab Seite 43 diskutiert.)
Fazit
Ebenso, wie in anderen pädagogischen Settings gibt es auch in der kunstpädagogischen Praxis Möglichkeiten, eine offen-fragende Haltung bei Heranwachsenden zu fördern – vielleicht auch gerade hier. Insbesondere ungewöhnliches Material oder ein ungewohnter Umgang mit Utensilien, Material und Dingen können Impulse für Irritationen sein. Beim erkundenden Tun der Kinder z. B. beim Farben-mischen ist jeweils abzuwägen, ob Hinweise und Hilfestellungen gegeben werden sollten oder den Kindern Zeit eingeräumt wird, elementare Erfahrungen zum Farbmischverhalten auf eigene Art und in eigenem Tempo zu machen. Gerade im freien gestaltenden Tun und bei jungen Kindern bestehen i.d.R. keine hemmenden Ängste, etwas falsch machen zu können. Um diese Haltung zu bewahren, ist darauf zu achten, Arbeitsergebnisse nicht abzuwerten oder vor der Gruppe besonders hervorzuheben.
Bei Aufgaben, die ein bestimmtes darstellerisches Problem enthalten, kann versucht werden, die Bearbeitung so zu gestalten, dass ein probierendes Tun ermöglicht wird. So wird z. B. die Bearbeitung des Problems sich überschneidender Objekte im Bild dadurch vereinfacht (oder sogar ermöglicht), dass Kinder verschiedene Techniken nutzen. Beim Einkleben von Fragmenten in eine Zeichnung oder ein Bild, kann durch Hin- und Herbewegen des Fragments im Bild das Problem der Überschneidung bewusst gemacht werden. Mit der Zeit können Kinder so vom Probieren zum reflektierenden Handeln kommen. Das probierende Tun der Kinder allen in der Gruppe wahrnehmbar, sichtbar zu machen ist eine gute Strategie bie jüngeren Kindern. Sie ermöglicht Reflexionen durch Vergleichen von Arbeitsergebnissen, Aufzeigen oder Kommunizieren von Idden und Gestaltungsvorhaben. Die Wahrnehmungs- und Beobachtungssensibilität, die im gestaltenden Tun und durch Betrachtung der jeweiligen Ergebnisse oder künstlerischer Artefakte gefördert wird, ist essenzielle Voraussetzung für die offen-fragende Haltung, die in der B.A. Thesis thematisiert wird.
Literatur
Bähr, I., Gebhard, U., Krieger, C., Lübke, B., Pfeiffer, M., Regenbrecht, T.,. . . Sting, W. (Hrg.). (2019). Irritation als Chance: Bildung fachdidaktisch denken. Wiesbaden: Springer VS.
Ballauff, Theodor. (2000). Pädagogik als Bildungslehre. Herausgegeben von Andreas Poenitsch und Jörg Ruhloff (3. weitergearb. Aufl. aus dem Nachlaß). Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren.
BerlinerLandesinstitut für Schule und Medien (LISUM) (Hrg.) 2004. Neuere Bildende Kunst in der Grundschule. Stichwort: Fremdes. Dokumentation der Fachtagung 2003.
Hallmann, Kerstin. (2016). Synästhetische Strategien in der Kunstvermittlung: Dimensionen eines elementaren Wahrnehmungsphänomens (1. Auflage). München: kopaed.
Kathke, Petra (2004). „Fremd-Körper“: Fremdes im Vertrauten entdecken – Vertrautes fremd machen. In BerlinerLandesinstitut für Schule und Medien (LISUM) (Hrg.), Neuere Bildende Kunst in der Grundschule. Stichwort: Fremdes. Dokumentation der Fachtagung 2003, S. 50–67.
Lübke, Britta, Bähr, Ingrid, Gebhard, Ulrich, Krieger, Claus, Pfeiffer, Malte, Regenbrecht, Tobias,. . . Sting, Wolfgang. (2019). Zur empirischen Erforschbarkeit von Irritationen im Fachunterricht: Forschungsstand und method(olog)ische Überlegungen. In Ingrid Bähr, Ulrich Gebhard, Claus Krieger, Britta Lübke, Malte Pfeiffer, Tobias Regenbrecht,. . . Wolfgang Sting (Hrg.), Irritation als Chance. Bildung fachdidaktisch denken (S. 177–219). Wiesbaden: Springer VS.
Sabisch, Andrea. (2009). Aufzeichnung und ästhetische Erfahrung. Kunstpädagogische Positionen: Bd. 20. URL: http://hup.sub.uni-hamburg.de/purl/HamburgUP_KPP20_Sabisch
Sabisch, Andrea. (2018). Bildwerdung: Reflexionen zur pathischen und performativen Dimension der Bilderfahrung. München: kopaed.
Sabisch, Andrea. (2019). Antworten auf Bilder: Zu Irritationen im visuellen Bildungs- und Erfahrungsprozess. In Ingrid Bähr, Ulrich Gebhard, Claus Krieger, Britta Lübke, Malte Pfeiffer, Tobias Regenbrecht,. . . Wolfgang Sting (Hrg.), Irritation als Chance. Bildung fachdidaktisch denken (S. 259–290). Wiesbaden: Springer VS.